Einstmals im Dorfe
Und abends sitzen sie vor ihren Türen
In breiten Gruppen und erzählen sich:
Vom Wetter, wie es war und wie es ist,
Und wie es morgen etwa werden könnte,
Und wie ein Tag doch eine kurze Frist,
Als ob ihn Gott der Erde ungern gönnte.
Dass auf den Feldern rings die Ernten stehn,
Wie man seit Jahren sie nicht mehr gesehen,
Und da im Dorf gerade Hochzeit war,
Gedenken sie ans eigene Myrthenjahr,
Und manchmal geht ein hallend Lachen hin
Und ist, als wüsst's des Lebens letzten Sinn.
Inzwischen schließen wie für ewig sich
Im Westen die letzten leisen Lichtbordüren.
Doch ihnen macht das Dunkel immer bang,
Sie sind vertraut mit ihm seit Kindertagen.
Allmählich schweigt das Fragen und das Sagen,
Und sie erheben sich von ihrer Bank,
Stehen eine Weile noch umher,
Als wär das Voneinandergehn so schwer,
Und wünschen, müd wie in geheimen Sorgen
Sich "Gute Nacht" und Gegengruß "Auf morgen!"
Hedwig Ernst - 1931